Nach Bronzemedaille: Talentpoolathletin Regine Mispelkamp im Interview

Geldern/Tokio. Talentpoolathletin Regine Mispelkamp und ihr Pferd Highlander Delight’s sind wohlbehalten aus Tokio zurück – mit einer Bronzemedaille im Gepäck. Nach Platz vier in der Einzelwertung und Rang sieben mit der Mannschaft, sicherten sich die Para-Dressurreiterin aus Geldern und ihr Dunkelfuchs in der abschließenden Kür (Grade V) Edelmetall. Im Interview berichtete die 50-Jährige von ihrer Reise nach Tokio, der Zeit vor Ort und von ihren ganz besonderen paralympischen Augenblicken.

Regine Mispelkamp, bevor wir über Ihren großartigen paralympischen Erfolg in Tokio reden, werfen wir einen Blick zurück: Wie lief die Vorbereitung?

Regine Mispelkamp: Die Vorbereitung auf Tokio hat bereits Zuhause begonnen. Wir haben beispielsweise angefangen, zu unterschiedlichen Tageszeiten zu trainieren. Anfang August ist dann das gesamte Para-Dressur-Team nach Aachen gereist, wo die Pferde in Quarantäne gegangen sind. Dort haben wir geübt bei Flutlicht zu reiten, die Pferde individuell trainiert und gezielt vorbereitet. Für mich war das eine ganz neue und sehr schöne Erfahrung über mehrere Wochen nur ein Pferd zu reiten. Das kannte ich vorher nicht, zuhause reite ich immer mehrere Pferde. Ich stand in einem viel intensiveren Austausch mit Lights, wie ich Highlander Delight’s nenne. Wir sind noch mehr ins Detail gegangen und das hat uns weiter zusammen geschweißt.

Als Sie in Tokio vor Ort waren, wie sah ein typischer Tagesablauf bei Ihnen und Highlander Delight‘s aus?

Regine Mispelkamp: Der Tag begann immer mit der gleichen Routine: Spucktest, Ocha-App, Fieber messen. Die Pferde sind gefüttert und anschließend Schritt geführt worden. Auch bei ihnen ist jeden Tag die Temperatur kontrolliert worden. Unsere Reitzeiten waren an die späten Prüfungszeiten angepasst. Von elf bis 15 Uhr war absolute Stallruhe – für die Pferde eine schöne Ruhephase. Um diese Zeit war die Sonneneinstrahlung in Tokio am höchsten und so sind die Pferde gut geschützt gewesen. Sie haben das auch alle sehr genossen. Lights lag teilweise ganz flach am Boden, hat alle Gliedmaßen von sich gestreckt und sich komplett der Ruhe hingegeben. Um die Pferde bei der Wärme zu kühlen, gab es so genannten Kühlboxen mit Ventilatoren und Schwämme mit kaltem Wasser. Während die anderen Pferde das Abwaschen total genossen haben, hat Lights das allerdings eher über sich ergehen lassen. Er ist absolut kein Freund von Wasser.

Platz vier in der Einzelwertung, Rang sieben mit der Mannschaft und eine Bronzemedaille in der abschließenden Kür. Das ist Ihre Bilanz aus Tokio, herzlichen Glückwunsch zu dieser großartigen Leistung! Nehmen Sie uns gerne ein bisschen mit: Wie haben Sie die Prüfungssituationen erlebt?

Regine Mispelkamp: Vielen, vielen Dank! Los ging es in Tokio mit der Einzelwertung. Dank unserer Vorbereitung bei Flutlicht war Lights von den unterschiedlichen Lichtverhältnissen unbeeindruckt. Die Bildschirme, die am Viereck standen, fand er zu Beginn aber doch spannend. Wir haben deshalb entschieden, dass ich von links statt von rechts starte. Links ist allerdings meine schwächere Seite und ich bin etwas schräg eingeritten, das hat Punkte gekostet. Eine Schwachstelle von uns sind die Schritt-Pirouetten, daran arbeiten wir. Ansonsten ging Lights eine sehr souveräne Runde mit Höhepunkten im starken Galopp und starken Schritt. Ich kam gut zum Sitzen und er hat sich toll angefühlt. Deshalb war ich schlussendlich schon etwas geknickt, dass es ganz knapp nicht für eine Medaille gereicht hat. Im Teamtest hatte ich eine extreme Spannungssituation auf dem Abreiteplatz direkt bevor ich eingeritten bin. Da ist er mir richtig los geschossen. Ich glaube, wenn ich noch ein paar Minuten Zeit gehabt hätte, hätte ich ihn wieder bei mir gehabt. So hat sich die Anspannung in der Trabtour doch etwas bemerkbar gemacht. Bei der abschließenden Kür haben wir wieder eine tolle Runde gedreht und sind belohnt worden. Dass Lights sich kurz erschrocken hat, war zum Glück nicht so schlimm. Es ist quasi in der ‚richtigen‘ Ecke passiert. Das war meine Sicherheitslinie und die Volte war bewusst in die Kür eingebaut.

Nach der Kür haben die Athletinnen und Athleten sowie die Pferde die Rückreise angetreten. Wie sind Sie Zuhause empfangen worden?

Regine Mispelkamp: Wir sind Zuhause von ganz vielen lieben Menschen empfangen worden. Alles war in Deutschlandfarben und mit Blumen geschmückt. Wir haben Kuchen gegessen und einen Sekt getrunken. Ich bin so dankbar für all die lieben Menschen, die zu diesem Erfolg beitragen und an uns geglaubt haben. Für Lights stand ein großer Korb mit Äpfel und Möhren bereit. Als ich ihn vom LKW geholt habe, hat er sich gar nicht gewundert oder erschrocken, dass so viel los war. Er hat die Aufmerksamkeit und die Leckereien genossen. Jetzt kann er erstmal entspannen. Er geht jeden Tag auf die Weide und darf das tun worauf er Lust hat.

Zum Abschluss: Gibt es einen Augenblick, der Ihnen ganz besonders in Erinnerung geblieben ist?

Regine Mispelkamp: Um ehrlich zu sein gibt es viele Augenblicke. Wir waren ja im Olympischen Dorf untergebracht und haben die Athletinnen und Athleten der anderen Sportarten in der Essensmall getroffen. Das war eine unglaubliche Erfahrung. Ich ziehe meinen Hut vor all diesen Menschen, die mit solchen Einschränkungen Höchstleistungen erbringen. Das ist sehr beeindruckend! An einen ganz besonderen Augenblick im Anschluss an die Kür erinnere ich mich auch noch: Ich stand bei der Presse und wusste noch nicht, dass ich Bronze gewonnen habe. Mitten im Interview springt Bernhard Fliegl, unser Bundestrainer, über den Zaun und ruft wild gestikulierend, dass ich eine Medaille gewonnen habe. Das war unglaublich! Einen für mich persönlich schönen Augenblick habe ich direkt in der ersten Prüfung gehabt: Nach der Galopptour parieren wir auf der Mittellinie durch zum Halten, richten rückwärts und traben in Richtung der Richter wieder an. Bei diesem Anreiten hatte ich einfach ein unglaubliches Gefühl und habe nur gedacht ‚Wow, hast du ein tolles Pferd‘. Unsere Reise beginnt gerade erst und ich bin so stolz, glücklich und dankbar, Lights mein Eigen nennen zu dürfen. Ich bekomme immer noch Gänsehaut, wenn ich an diesen Moment denke.

Fotos: Nicole Bercz

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